The Great Gatsby

Was passiert, wenn jemand seine ganze Identität auf einen Traum aufbaut? Diese Frage blieb an mir hängen, nachdem ich das Buch gelesen habe. Aber ich habe auch noch keine Antwort darauf. An der Oberfläche handelt sich diese Geschichte um Reichtum, Erfolg und Vergnügen. Der anfangs mysteriöse Mr. Gatsby mit seinen grossen Feiern, die Beschreibung der pompösen Lebensstile der Charaktere, sogar der Schreibstil von Fitzgerald fühlt sich teuer an.

Anfangs genoss ich das luxuriöse Setting und den schönen Schreibstil und liess all die Eindrücke auf mich wirken, doch mit der Zeit merkte ich, dass die Geschichte den Luxus, die Partys und den Reichtum nur als Fassade benutzt, um in Wirklichkeit zu zeigen, was sich darunter verbirgt, nämlich Illusionen, Ambitionen und Einsamkeit.

Je länger ich über das Buch nachdenke und sogar während des Schreibens kommen mir sehr viele verschiedene Themen in den Sinn, die man tiefer analysieren könnte, sei es die Kritik an der Klassengesellschaft, Identität, Selbstverwirklichung oder die Folgen von Obsessionen. Doch in diesem Beitrag werde ich mich nur auf ein paar meiner Gedanken fokussieren, die ich während des Lesens hatte und hier etwas ausarbeiten möchte, und keine Deep-Dive-Analyse machen.

Einer der Gedanken, der mir nach dem Lesen besonders hängen blieb, ist Gatsbys Versuch, die Vergangenheit wieder zurückzuholen. Im Gespräch mit Nick sagte er «Can’t repeat the past? Why of course you can!». Gatsby ist also stark davon überzeugt und besessen von der Idee, die Vergangenheit und die damit verbundenen Gefühle wieder zu rekonstruieren. Somit hätte er sein Ziel erreicht. Doch im Verlauf des Buches und vor allem gegen Ende der Geschichte realisiert man, dass er die Vergangenheit nicht kontrollieren und zurückbringen kann, sondern dass die Vergangenheit stattdessen ihn kontrolliert. Dieser Gedanke wird dann von Nick unterstrichen. Er sagt «So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.» Wahrscheinlich hatte jeder von uns schon einmal einen Moment, zu dem er gerne zurückkehren würde. Doch wie man am Fall von Gatsby sieht, verändern sich nicht nur Situationen, sondern auch Menschen, und genau deshalb lässt sich die Vergangenheit nie wirklich so rekonstruieren, wie man es sich gerne vorstellt. Gatsby ist also nicht nur eine tragische Figur, sondern ein extremes Beispiel eines universellen menschlichen Problems.

Eine weitere Beobachtung, die ich während des Lesens gemacht habe, betrifft Daisy und ihre Beziehung zu Tom. Ich hatte oft das Gefühl, dass sie Tom nicht unbedingt als Person liebt, sondern vielmehr das Gefühl, das er ihr gibt. Beim Lesen musste ich sofort an White Nights von Dostojewski denken. (Spoiler!) Dort entscheidet sich Nastenka am Ende für ihren zurückkehrenden Geliebten und nicht für den namenlosen Protagonisten, was für die meisten Leser die logischere Entscheidung gewesen wäre. Vermutlich entschied sie sich für den alten Geliebten, weil er ihr ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer vermittelt, genau das, wonach sie sich sehnte in ihrem eintönigen Leben. (Spoiler vorbei!)

Bei Daisy scheint es fast das Gegenteil zu sein. Sie sucht nicht das Abenteuer, sondern Sicherheit und eine vorhersehbare geregelte Zukunft. Tom kann ihr genau dieses Gefühl geben durch seinen Status, sein Geld und die Welt, aus der er stammt. Gatsby hingegen kann ihr das nicht bieten, selbst nachdem er reich geworden ist. Das zeigt auch sehr deutlich den Unterschied zwischen old money und new money. Gatsby hat zwar Reichtum erreicht, gehört aber trotzdem nie wirklich zu der Welt, in der Daisy sich zuhause fühlt.

Besonders deutlich wird das nach dem tragischen Autounfall, bei dem Myrtle Wilson ums Leben kommt. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, suchen sich Tom und Daisy Zuflucht in ihre privilegierte Welt und verstecken sich hinter ihrem Status und ihrem Geld. Sobald Daisy in eine brenzlige Situation gerät, entscheidet sie sich bewusst gegen Gatsby und kehrt zurück in die Sicherheit, die Tom ihr bietet.

Und leider sehen wir am Ende auch, dass niemand Gatsby wirklich liebte. Die unzähligen Menschen auf seinen Partys, Geschäftspartner und ehemalige Geliebte, niemand von ihnen erschien zu seiner Beerdigung. Dadurch wird deutlich, dass die meisten nicht Gatsby selbst mochten, sondern die von ihm geschaffene aufregende Atmosphäre.

Eine der wenigen Ausnahmen war Owl Eyes. Er bemerkte bereits früher in der Bibliothek, dass Gatsbys Bücher echt sind und realisierte dadurch, dass mehr hinter Gatsby steckt als nur das äussere „Bling Bling“.

Dies führt mich zu einem weiteren Gedanken. Gatsbys Vater erzählte Nick von seinem alten Tagesplan und davon, dass Gatsby viel Zeit mit Self-Improvement-Büchern, Arbeit und Training verbrachte. Das erinnerte mich stark an den heutigen Trend von Self-Improvement-Content auf Social-Media-Plattformen oder an die sogenannte „Hustle Culture“.

Ich denke, dass sich viele junge Menschen in dieser Bubble verirren können, wenn sie nicht früh genug realisieren, dass sie all diese Dinge vielleicht nur tun, um Anerkennung von der Gesellschaft zu bekommen und nicht unbedingt für sich selbst. Statt sich wirklich weiterzuentwickeln und sich selbst treu zu bleiben, kreieren sie, ähnlich wie Gatsby, eine Illusion, die ebenso substanzlose Beziehungen erschaffen kann und oft auf Oberflächlichkeiten beruht.

Insgesamt gefiel mir das Buch und es brachte mich viel zum Nachdenken, auch wenn dies hauptsächlich gegen Ende der Geschichte geschah. Während des Lesens hatte ich oft das Gefühl, dass viele Ereignisse etwas zufällig oder sogar irrelevant wirken. Doch besonders das letzte Kapitel gab für mich den vorherigen Kapiteln mehr Bedeutung und hält das ganze Buch letztlich zusammen.

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